pAVK-Erkennung bei Diabetes: mehr tun, früher und intelligenter
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist bei Typ-2-Diabetes häufig. Menschen mit Diabetes entwickeln nahezu doppelt so oft eine pAVK wie Nicht-Diabetiker.

Die pAVK geht häufig koronarer oder zerebrovaskulärer Erkrankung voraus und ist damit ein Frühwarnzeichen einer generalisierten Atherosklerose. Neuropathie dämpft jedoch oft ischämische Schmerzen, und mediale Gefäßverkalkung kann Pulse und den Ruhe-Knöchel-Arm-Index (ABI) trügerisch normal erscheinen lassen. Eine objektive Perfusionsbeurteilung routinemäßig in die Diabetesversorgung einzubetten – und weitere Schritte zu setzen, wenn das ABI unzuverlässig ist – verhindert Fehldiagnosen und ermöglicht rechtzeitige Intervention.
Diabetes beschleunigt die intimale Atherosklerose und fördert gleichzeitig die mediale Kalzifikation; das führt zu inkompressiblen Arterien und zu falsch hohen ABI-Werten. Parallel maskiert die sensible Neuropathie Claudicatio und Ruheschmerz, und eine Mikrogefäßdysfunktion beeinträchtigt die Gewebereparatur. Zusammengenommen können so kleine Verletzungen zu Ulzera fortschreiten, bevor Hilfe gesucht wird. Nahezu die Hälfte der Patient:innen mit diabetischem Fußulkus weist zusätzlich eine pAVK auf, was das Amputationsrisiko deutlich erhöht.
Die Mortalität nach Majoramputation bleibt inakzeptabel hoch: bis zu 40 % im ersten Jahr, fast 80 % innerhalb von fünf Jahren. Das unterstreicht die Bedeutung von Früherkennung und strukturierter Gefäßabklärung bei allen Menschen mit Diabetes. In der ambulanten Versorgung zeigt der automatisierte ABI eine gute Übereinstimmung mit Doppler-Messungen und reduziert die Operatorabhängigkeit – Screening wird dadurch praktikabel und skalierbar.
Handlungsrelevante Schwellenwerte für die Gefäßabklärung
Ein Ankle-Brachial-Index (ABI) von 0,90 oder weniger weist auf eine pAVK hin und sollte zu einer Gefäßüberweisung führen, zusammen mit sofortigen Maßnahmen zum Schutz der Füße.
Werte im Bereich 0,91–1,00 gelten als grenzwertig. In solchen Fällen sollten Anamnese und klinischer Befund sorgfältig abgewogen werden, und ein Belastungs-ABI kann hilfreich sein, wenn die/der Patient:in Belastungssymptome berichtet.
Ein ABI zwischen 1,00 und 1,40 gilt in Ruhe typischerweise als normal, schließt jedoch eine Belastungsischämie nicht aus. Wenn das klinische Bild auf eine vaskuläre Claudicatio hindeutet, sollte ein Belastungs-ABI durchgeführt werden.
Liegt der ABI größer als 1,40, weist das meist auf inkompressible Arterien hin. In diesen Fällen ist der nächste Schritt, einen Toe-Brachial-Index (TBI) zu bestimmen; TBI-Werte von 0,70 oder weniger gelten als abnormal. Ein Belastungs-ABI wird als positiv interpretiert, wenn der post-exercise-ABI um 20 % oder mehr abnimmt oder wenn der Knöcheldruck um mindestens 30 mmHg abfällt.
Von der Messung zur Diagnose und weiter
Die Integration des ABI in das strukturierte Diabetesmanagement macht ihn so routiniert wie Blutdruck- oder SpO₂-Messung. Bei unmittelbarer Befundinterpretation am Point of Care können die nächsten Schritte sofort erfolgen: Ausdruck des Ergebnisses, Kurzberatung, Organisation weiterer Tests wie TBI oder Belastungs-ABI oder, falls nötig, Überweisung.
In derselben Konsultation lässt sich in der Primärversorgung ein umfassendes Management starten: Hinweise zum Entlasten (Offloading) und geeignetem Schuhwerk, Haut- und Schwielenpflege, Schulung zur täglichen Fußinspektion, Unterstützung beim Rauchstopp sowie Optimierung von Blutdruck, Lipiden und Glukose. Eine Thrombozytenhemmung sollte, falls indiziert, gemäß Leitlinien verordnet werden.
Die Aufnahme des ABI in standardisierte Aufnahmevorlagen erhöht die Durchführungsraten: Was Routine ist, wird eher gemacht.
Fälle, denen Sie begegnen können
Inkompressible Gefäße (ABI > 1,40):
Häufig bei Diabetes oder chronischer Nierenerkrankung. Der Ruhe-ABI ist dann wegen Verkalkung unzuverlässig. Stattdessen den TBI bestimmen; Zehenarterien verkalken seltener und spiegeln die distale Perfusion besser wider.
Atypische Beinsymptome:
Manche schildern Enge-, Schwere- oder Ermüdungsgefühl statt klassischer Wadenschmerzen. Treten solche vaskulär klingenden Beschwerden bei einem ABI zwischen 0,91 und 1,40 auf, ist ein Belastungs-ABI sinnvoller als langes Abwarten – so lässt sich eine Belastungsischämie aufdecken, die in Ruhe fehlt.
Normaler ABI, auffälliger Fuß:
Ein normaler ABI schließt Gefäßerkrankung nicht aus. Jede nicht heilende Wunde, Temperaturdifferenz zwischen den Füßen, Farbveränderung oder neue Deformität sollte unabhängig vom Ruhe-ABI eine Gefäßabklärung auslösen.
Wenn Teams diese Vorgehensweise verankern, wird die Entscheidungsfindung schneller und konsistenter. Grenzwerte führen nicht mehr zu Zögern, Belastungssymptome werden unter Belastung geprüft, und Überweisungen erfolgen früher. Praxen sehen weniger Notaufnahmen wegen infizierter Ulzera und mehr Verlässlichkeit in der präventiven Fußversorgung. Eine gemeinsame numerische Sprache – mit ABI– und TBI-Werten samt Lateralität – stärkt zudem die Kommunikation und Kontinuität zwischen Hausärzt:innen, Diabetologie, Podologie und Gefäßchirurgie.